Arktis an Bord der Silver Endeavour - Reisebericht und Erfahrungen


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Longyearbyen - Longyearbyen, Juni 2026: Emese Kaufmann auf der Silver Endeavour von Silversea Cruises

 

Es gibt Orte, von denen man schon viel gehört hat, lange bevor man sie selbst erlebt.

Spitzbergen war für mich so ein Ort.

 

Wenn man an die Arktis denkt, entstehen sofort Bilder im Kopf: gewaltige Gletscher, treibendes Packeis, Eisbären und eine Landschaft, die so ursprünglich wirkt, als würde sie nicht ganz zu unserer Welt gehören. Trotzdem war Spitzbergen für mich bis zu dieser Reise vor allem eine Vorstellung aus Bildern, Geschichten und Dokumentationen.

Die Reise begann in Oslo, wo Silversea bereits die Hotelübernachtung organisiert hatte. Nach einem entspannten Abend im Radisson Blu Hotel und einer erstaunlich ruhigen Nacht stand am nächsten Morgen der Weiterflug nach Longyearbyen auf dem Programm.

 

Was mir bereits zu diesem Zeitpunkt auffiel, war die Organisation. Gerade bei einer Expeditionsreise in eine Region, in der Wetterbedingungen und Entfernungen eine große Rolle spielen, ist es angenehm, wenn man sich um nichts kümmern muss. Transfers, Charterflug, Gepäck – alles war bis ins Detail vorbereitet.

 

Vom 6. bis 13. Juni 2026 durfte ich die Expeditionsreise Longyearbyen–Longyearbyen an Bord der Silver Endeavour begleiten – dem Flaggschiff der Expeditionsflotte von Silversea. Das speziell für Polarregionen konzipierte Schiff verbindet echte Expedition Abenteuer mit dem Komfort und Service, für den Silversea bekannt ist. Mit seiner hohen Eisklasse, modernster Technologie und zahlreichen Zodiacs erreicht die Silver Endeavour Regionen, die für viele Reisende unerreichbar bleiben. Gleichzeitig erwartet die Gäste an Bord eine außergewöhnlich persönliche Atmosphäre, großzügige Suiten mit Butler-Service, exzellente Gastronomie und ein Expeditionsteam, dessen Begeisterung für die Polarregionen in jedem Briefing und jeder Ausfahrt spürbar ist.

 

Am nächsten Morgen brachte uns der Shuttle zurück zum Flughafen Oslo. Mit jedem Kilometer Richtung Norden stieg die Vorfreude. Während wir Kurs auf Longyearbyen nahmen, wusste ich zwar, dass uns eine besondere Reise bevorstand. Was ich zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht ahnte, war, wie viele unvergessliche Momente, überraschende Begegnungen und Geschichten die kommenden Tage für uns bereithalten würden.

 

In diesem Reisebericht möchte ich Sie mitnehmen auf eine Reise, die mich noch lange begleiten wird - durch die faszinierende Welt Spitzbergens, an Bord der Silver Endeavour und zu einigen der entlegensten Orte unseres Planetens.

 

Ihre Emese Kaufmann

 


6. Juni – Longyearbyen, die Silver Endeavour und ein erster Eindruck von dem, was vor uns lag

Als sich die Wolkendecke unter dem Flugzeug langsam öffnete, wurde es plötzlich ruhiger in der Kabine. Immer mehr Passagiere blickten aus den Fenstern, während unter uns die ersten schneebedeckten Berge und Fjorde auftauchten.

 

Spitzbergen wirkte aus der Luft gleichzeitig rau, abgelegen und faszinierend schön. Obwohl ich bereits viele Bilder dieser Region gesehen hatte, war der erste Blick auf die Landschaft etwas völlig anderes.

 

Nach der Landung in Longyearbyen wurden wir von Neil und dem Expeditionsteam begrüßt. Schon auf der kurzen Busfahrt Richtung Hafen begann er, die ersten Geschichten über Spitzbergen zu erzählen. Während wir durch die kleine Stadt fuhren, fielen uns immer wieder einzelne Läufer entlang der Straße auf. Erst als Neil erklärte, dass an diesem Wochenende der nördlichste Marathon der Welt stattfand, wurde uns bewusst, was wir da eigentlich beobachteten. Zwischen schneebedeckten Bergen und arktischer Wildnis wirkte dieser Anblick irgendwie ungewöhnlich und gleichzeitig völlig passend für diesen besonderen Ort.

Dann erschien sie vor uns.

 

Die Silver Endeavour.

 

Selbst vor der beeindruckenden Kulisse Spitzbergens zog das Schiff sofort alle Blicke auf sich. Modern, elegant und gleichzeitig gebaut für Regionen, in denen die Natur die Regeln bestimmt. Während viele Expeditionsschiffe ihren Fokus ausschließlich auf die Expedition legen und klassische Luxusschiffe oft nicht für solche Regionen ausgelegt sind, verbindet die Silver Endeavour beides auf bemerkenswerte Weise. Genau das macht dieses Schiff so besonders. Nach der Einschiffung ging es zunächst in meine Suite, die für die kommenden Tage mein Zuhause werden sollte. Mein erster Eindruck war vor allem eines: viel Platz. Eine großzügige Sitzecke, ein komfortables Bett, ein begehbarer Kleiderschrank, ein geräumiges Badezimmer und ein eigener Balkon, von dem aus sich die vorbeiziehende Landschaft beobachten ließ. Schnell wurde klar, dass man sich hier auch an Seetagen problemlos mehrere Stunden aufhalten könnte.

Nur wenige Minuten später klopfte es an der Tür.

Mein Butler stellte sich vor und begrüßte mich mit einer Herzlichkeit, die während der gesamten Reise nicht nachlassen sollte. Während er ein Glas Champagner einschenkte, führte er mich durch die Suite, erklärte die wichtigsten Funktionen und beantwortete geduldig alle Fragen, die man am ersten Tag einer Reise eben hat. Besonders überrascht war ich, wie unkompliziert die Kommunikation funktionierte. Statt über Telefon oder komplizierte Servicewege lief alles ganz einfach über WhatsApp. Egal ob eine Frage, ein Wunsch oder eine kleine Bitte, eine kurze Nachricht genügte und man erhielt innerhalb kürzester Zeit eine Antwort. Zu diesem Zeitpunkt wirkte das wie ein angenehmer Service. Erst im Laufe der Reise wurde mir bewusst, wie außergewöhnlich aufmerksam dieser Butler-Service tatsächlich war.

 

Bevor die eigentliche Expedition beginnen konnte, stand jedoch zunächst ein wichtiger Programmpunkt auf dem Plan: der obligatorische Biosecurity Check. Wer in die Arktis reist, wird schnell feststellen, wie ernst der Schutz dieser einzigartigen Umwelt genommen wird. Sämtliche Ausrüstung wurde sorgfältig überprüft. Mützen, Handschuhe, Schals, Jacken und insbesondere die Stiefel wurden kontrolliert und bei Bedarf ausgebürstet, damit keine Samen, Pflanzenreste oder andere Fremdkörper in dieses empfindliche Ökosystem gelangen konnten. Für die Dauer der Reise konnten alle Gäste Expeditionsstiefel direkt an Bord ausleihen. Nachdem ich mich dafür entschieden hatte, war schnell klar, dass dies die richtige Wahl gewesen war. In den kommenden Tagen sollten diese Stiefel durch Schnee, Schmelzwasser, Geröllfelder und zahlreiche Zodiac-Anlandungen getragen werden – und genau dafür waren sie gemacht.

 

Anschließend folgte das obligatorische Sicherheits- und Expeditionsbriefing. Dabei lernten wir nicht nur den Umgang mit den Zodiacs und die Regeln für Anlandungen kennen, sondern erhielten auch Einblicke in die Arbeit des Polar Bear Monitor Teams. Schnell wurde deutlich, dass Expeditionen in Spitzbergen nur deshalb möglich sind, weil Sicherheit jederzeit oberste Priorität hat. Vor jeder Anlandung werden die Gebiete zunächst von speziell geschulten Teammitgliedern überprüft und während der gesamten Zeit an Land bleibt das Polar Bear Monitor Team aufmerksam im Hintergrund präsent. Die Möglichkeit, Eisbären in freier Wildbahn zu erleben, gehört zu den großen Höhepunkten einer Arktisreise – gleichzeitig wird jedoch alles dafür getan, sowohl Gäste als auch Tiere zu schützen.

 

Am Abend hieß es schließlich Leinen los.

Während die Berge am Horizont vorbeizogen, begann die eigentliche Reise. Viele Gäste zog es nach draußen auf die offenen Decks, um die Ausfahrt zu beobachten. Die Luft war frisch, das Licht außergewöhnlich und die Vorfreude überall spürbar.

Es war kurz vor Mitternacht. Und trotzdem war es hell. Die Mitternachtssonne tauchte die Berghänge in warme Goldtöne, während sich die Fjorde spiegelglatt vor dem Schiff ausbreiteten. Irgendwo zwischen Longyearbyen und der offenen Arktis wurde mir bewusst, dass die kommenden Tage anders werden würden als vieles, was ich bisher erlebt hatte.

Noch wusste ich nicht, welche Geschichten, Begegnungen und Erlebnisse vor uns lagen.

Aber genau das machte diesen Moment so besonders.


7. Juni – Skansbukta, Fog On Fog Off und die ersten Schritte in die Wildnis

Der erste richtige Expeditionstag begann mit einem Blick aus dem Fenster und einer Erkenntnis, die uns die gesamte Reise begleiten sollte:

 

Die Arktis macht ihre eigenen Pläne.

 

Als ich morgens die Vorhänge öffnete, war von der Landschaft kaum etwas zu erkennen. Dichter Nebel hatte sich über die Fjorde gelegt und verschluckte Berge, Küstenlinien und Entfernungen. Wo am Vorabend noch Gipfel und Gletscher zu sehen gewesen waren, blickte man nun auf eine beinahe weiße Wand.

Im Laufe der kommenden Tage entwickelte sich daraus ein Running Gag innerhalb unserer Gruppe.

 

Fog On.

Fog Off.

 

Denn genauso schnell, wie der Nebel auftauchte, verschwand er oft auch wieder. Während des Frühstücks begannen sich die Nebelschwaden langsam aufzulösen, und innerhalb weniger Minuten tauchten plötzlich Berge auf, die eben noch komplett verborgen gewesen waren. Erst einzelne Gipfel, dann ganze Berghänge und schließlich ein kompletter Fjord. Es war faszinierend zu beobachten, wie sich die Landschaft ständig veränderte und nie zweimal gleich aussah.


Nach dem Frühstück wurde es dann ernst. Zum ersten Mal hieß es: Zodiac Boarding.

Natürlich hatten wir bereits die Sicherheitsbriefings absolviert und wussten theoretisch, was uns erwartete. Trotzdem ist der Moment, in dem man zum ersten Mal in eines dieser schwarzen Expeditionsboote steigt, etwas Besonderes. Plötzlich verlässt man den Komfort des Schiffes und wird Teil der Umgebung.

 

Skansbukta war unser erstes echtes Arktis-Erlebnis.

 

Während wir uns langsam vom Schiff entfernten, wurde die Silver Endeavour hinter uns kleiner und die Landschaft vor uns immer größer. Genau das ist einer der größten Unterschiede zwischen einer klassischen Kreuzfahrt und einer Expeditionsreise. Man betrachtet die Natur nicht aus der Distanz. Man bewegt sich mitten durch sie hindurch. Die Küstenlinie wirkte rau und ursprünglich. Schneefelder zogen sich bis weit hinunter in die Täler, während dunkle Felsformationen die Landschaft strukturierten. Immer wieder hielten wir an, um Vögel oder besondere Formationen zu beobachten, während das Expeditionsteam interessante Geschichten und Hintergrundinformationen über die Region erzählte. Was mir an diesem Tag besonders in Erinnerung geblieben ist, war jedoch weniger ein einzelnes Highlight als vielmehr das Gefühl, zum ersten Mal wirklich angekommen zu sein. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Reise geprägt von Vorfreude, Flügen, Organisation und Einschiffung gewesen. Jetzt saßen wir im Zodiac, umgeben von Bergen, Eis und einer Landschaft, die sich über Jahrtausende hinweg nahezu unverändert entwickelt hatte. Zum ersten Mal wurde greifbar, wie abgelegen dieser Ort tatsächlich ist.

 

Keine Straßen.

Keine Dörfer.

Keine sichtbaren Spuren menschlicher Zivilisation.

Nur Natur.

Und sehr viel davon.

Zurück an Bord zog es mich später in die Library. Während viele Gäste den Nachmittag in der Observation Lounge verbrachten, wurde die Bibliothek schnell zu meinem Lieblingsort auf dem Schiff. Große Fenster boten einen ungestörten Blick auf die vorbeiziehende Landschaft, und oft saß ich dort alleine, ließ die Eindrücke des Tages wirken und beobachtete, wie sich Nebel und Licht ständig veränderten.

Am Abend fand das erste ausführlichere Expeditionsbriefing für den kommenden Tag statt. Neil und sein Team erklärten die geplante Route, die Eisbedingungen und die möglichen Aktivitäten. Dabei wurde schnell deutlich, wie viel Flexibilität eine solche Reise erfordert. Wetter, Eis und Tierbeobachtungen bestimmten letztlich jeden einzelnen Tag.

Genau das machte die Reise aber auch so spannend.

Man wusste nie ganz genau, was einen hinter der nächsten Bucht erwartete.

Als ich später noch einmal an Deck ging, lag die Landschaft erneut im Licht der Mitternachtssonne. Der Nebel hatte sich inzwischen fast vollständig verzogen und gab den Blick auf schneebedeckte Berghänge frei.

Irgendwo musste ich über unseren kleinen Running Gag schmunzeln.

 

 

Fog On.

Fog Off.

 

Und wahrscheinlich hätte niemand besser beschreiben können, wie sich Spitzbergen an diesem ersten Expeditionstag angefühlt hatte.


8. Juni – Hamiltonbukta und die Ice Edge

Nach unserem ersten Expeditionstag hatte sich bereits eine kleine Routine entwickelt. Der Blick aus dem Fenster am Morgen gehörte inzwischen genauso dazu wie der erste Kaffee des Tages und die Frage, welche Version der Arktis uns heute wohl erwarten würde.

Auch an diesem Morgen dauerte es nicht lange, bis die ersten Gäste an den Fenstern standen und die vorbeiziehende Landschaft beobachteten. Das Expeditionsteam bereitete bereits die nächste Zodiac-Ausfahrt vor, und die Vorfreude war spürbar.

Unser Ziel war Hamiltonbukta. Schon die Anfahrt war beeindruckend. Während die Silver Endeavour langsam durch die arktische Landschaft navigierte, wechselten sich schneebedeckte Berghänge mit dunklen Felsformationen ab. Die Lichtverhältnisse veränderten sich ständig und ließen dieselbe Landschaft innerhalb weniger Minuten vollkommen anders wirken.

Mit den Zodiacs ging es schließlich hinaus in die Bucht.

Kaum hatten wir das Schiff verlassen, wurde deutlich, warum dieser Ort für viele Gäste zu den schönsten Erlebnissen der Reise gehört. Die steilen Vogelklippen waren voller Leben. Über unseren Köpfen kreisten unzählige Vögel, während andere auf den Felsvorsprüngen nisteten oder sich von den Aufwinden tragen ließen.

Immer wieder richteten sich die Blicke nach oben. Es war kaum möglich zu entscheiden, ob man lieber die Landschaft, die Tierwelt oder einfach die Stimmung dieses Ortes beobachten sollte.

 

Während wir langsam entlang der Küste fuhren, erzählte das Expeditionsteam von den verschiedenen Vogelarten, die hier zuhause sind. Gleichzeitig wurde einmal mehr deutlich, wie eng alles in dieser Region miteinander verbunden ist. Das Meer, die Felsen, das Eis und die Tierwelt bilden ein Ökosystem, das seit Jahrhunderten nach seinen eigenen Regeln funktioniert.


Zurück an Bord wartete jedoch bereits der nächste Höhepunkt des Tages.

 

Die Ice Edge.

 

Schon während des Mittagessens sprach man überall darüber. Viele Gäste hatten ihre Kameras griffbereit, andere sicherten sich Plätze an den großen Panoramafenstern oder auf den Außendecks. Je weiter wir nach Norden vordrangen, desto häufiger erschienen erste Eisschollen im Wasser.

 

Anfangs waren es nur einzelne.

Dann wurden sie größer.

Dann wurden sie mehr.

 

Bis schließlich eine nahezu endlose Eislandschaft vor uns lag. Es gibt Momente auf Reisen, die man kaum beschreiben kann, ohne in Superlative zu verfallen. Die Ice Edge war für mich genau so ein Moment. Vor uns erstreckte sich eine Welt aus Eis und Wasser, die bis zum Horizont zu reichen schien. Die Farben wechselten zwischen Weiß, Blau und den unterschiedlichsten Grautönen. Manche Schollen wirkten beinahe kunstvoll geformt, als hätte jemand sie bewusst gestaltet. Eine von ihnen hatte sogar die Form eines Herzens - ein kleiner, unerwarteter Moment inmitten dieser gewaltigen Landschaft, der mir sofort ins Auge fiel. 

Was mich dabei aber am meisten beeindruckte, war die Ruhe. Obwohl sich zahlreiche Gäste an Deck befanden, wurde kaum gesprochen. Jeder schien diesen Moment auf seine eigene Weise erleben zu wollen. Vielleicht liegt genau darin die besondere Faszination der Polarregionen.

 

Sie schaffen es, Menschen still werden zu lassen.

 

Während die Silver Endeavour langsam entlang der Eisgrenze navigierte, wurde einem bewusst, wie klein man in dieser Umgebung eigentlich ist. Das Eis hatte hier bereits existiert, lange bevor wir geboren wurden, und wird hoffentlich noch lange nach uns existieren.

Die Natur war hier nicht Kulisse.

Sie war der Hauptdarsteller.

Erst am Abend, als wir uns langsam wieder von der Ice Edge entfernten und die ersten Gäste ihre Fotos miteinander verglichen, wurde mir bewusst, wie besonders dieser Tag gewesen war. Nicht wegen eines einzelnen Ereignisses.

Sondern wegen des Gefühls, für einige Stunden eine Region erlebt zu haben, die für die meisten Menschen immer nur ein Punkt auf der Landkarte bleiben wird.

Nach unserem Tag an der Ice Edge blieb noch etwas Zeit, das Schiff weiter kennenzulernen. Während eines Rundgangs erhielten wir die Gelegenheit, auch einen Blick in die Signature Suite auf Deck 8 zu werfen.

 

Und ehrlich gesagt: Wow.

 

Nach Stunden zwischen Eis, Wind und der scheinbar grenzenlosen Weite der Arktis fühlte es sich fast surreal an, plötzlich in einem so großzügigen Wohnbereich zu stehen. Die Suite verfügt über ein separates Schlafzimmer, einen großen Wohn- und Essbereich, ein luxuriöses Badezimmer und eine beeindruckende private Veranda. Durch die bodentiefen Fenster scheint die Polarlandschaft beinahe Teil des Raumes zu werden.

Gerade auf einer Expeditionsreise wird deutlich, wie besonders dieses Konzept ist. Tagsüber erkundet man mit dem Zodiac abgelegene Fjorde, beobachtet Wildtiere und bewegt sich durch eine der entlegensten Regionen unseres Planeten. Am Abend kehrt man in ein Ambiente zurück, das eher an ein exklusives Boutique-Hotel erinnert als an ein Expeditionsschiff.

Diese Verbindung aus Abenteuer und Luxus zieht sich durch die gesamte Silver Endeavour. Während der Reise konnten wir zudem drei der Restaurants an Bord kennenlernen: The Grill, Il Terrazzino und The Restaurant. Jedes davon mit eigener Atmosphäre, aber alle auf einem Niveau, das man auf einem Schiff in dieser abgelegenen Region vielleicht nicht erwarten würde.

Obwohl ich normalerweise keine große Rotweinliebhaberin bin, gab es dort einen Rotwein, den ich während der Reise tatsächlich zweimal bestellt habe. Vielleicht lag es am Wein selbst, vielleicht an den Eindrücken des Tages, vielleicht aber auch einfach an guter Gesellschaft.

 

Nach Stunden zwischen GletschernPackeis und Zodiac-Ausfahrten fühlten sich diese Abende in der Explorer Lounge besonders an. Zwischen Gesprächen, Live-Musik und dem Blick auf die vorbeiziehende Polarlandschaft entstanden genau die Momente, die man später oft genauso gerne in Erinnerung behält wie die großen Expeditionserlebnisse selbst.


9. Juni – Faksevågen und das Gefühl von Freiheit

Nach den beeindruckenden Erlebnissen an der Ice Edge wartete am nächsten Morgen bereits das nächste Abenteuer auf uns. Während des täglichen Expeditionsbriefings stellte das Team die verschiedenen Aktivitäten für Faksevågen vor. Neben einer leichteren Wanderung wurde auch eine anspruchsvollere Tour angeboten – und genau dafür entschied ich mich.

Zusammen mit der Ice Edge und dem Polar Plunge war Faksevågen eines jener Erlebnisse, die mir besonders in Erinnerung bleiben werden. Vielleicht lag es daran, dass man die Arktis hier nicht vom Schiff oder Zodiac aus beobachtete, sondern sich mitten in ihr bewegte. Jeder Schritt führte weiter durch Schnee, über Felsen und entlang kleiner Schmelzwasserläufe. Mit jedem Höhenmeter wurde die Landschaft größer und beeindruckender. Während die Ice Edge die gewaltige Dimension der Arktis zeigte und der Polar Plunge für jede Menge Adrenalin sorgte, war Faksevågen der Moment, in dem ich dieses Gefühl von Freiheit am intensivsten gespürt habe. Es war einer dieser seltenen Augenblicke, in denen man einfach innehält, sich umschaut und weiß, dass man genau dort ist, wo man gerade sein möchte.


10. Juni – Bockfjord

Am diesem Tag stand eine Zodiac-Ausfahrt im Bockfjord für mich auf dem Programm. Schon nach kurzer Zeit fiel auf, wie anders die Landschaft hier wirkte. Besonders die rötlichen Farbtöne des Wassers und der umliegenden Berge verliehen dem Fjord eine ganz besondere Atmosphäre.

Während wir langsam durch die Bucht glitten, wurden durch die Bewegung der Zodiacs kleine Fischschwärme aufgescheucht. Was dann geschah, war faszinierend zu beobachten. Innerhalb weniger Augenblicke tauchten unzählige Vögel auf, kreisten über unseren Köpfen und stürzten sich immer wieder ins Wasser, um zu jagen.

 

Plötzlich war überall Bewegung.

 

Über uns die Vögel, unter uns die Fische und dazwischen unsere Zodiacs. Es war einer dieser ungeplanten Momente, die eine Expeditionsreise so besonders machen. Gerade als man dachte, die Landschaft sei das Highlight, spielte sich direkt über unseren Köpfen ein beeindruckendes Naturschauspiel ab.

Zum Abendessen zog es uns diesmal ins Il Terrazzino. Nach Tagen voller Zodiac-Ausfahrten, Wanderungen und Naturerlebnisse war es schön, den Tag bei italienischer Küche in entspannter Atmosphäre ausklingen zu lassen. Während draußen die arktische Landschaft langsam vorbeizog, wurde am Tisch noch lange über die Erlebnisse des Tages gesprochen – und natürlich darüber, was der nächste Tag wohl für uns bereithalten würde.



11. Juni – Bjørnfjorden, Polar Plunge und Eisbären

Wenn ich die Ice Edge und Faksevågen zu meinen persönlichen Höhepunkten dieser Reise zähle, dann gehört auch der 11. Juni definitiv dazu. Es war einer dieser Tage, an denen gefühlt jede Stunde etwas Neues passierte.

Der Morgen begann mit einer Zodiac-Ausfahrt in Bjørnfjorden. Rund um uns erstreckte sich eine beeindruckende Gletscherlandschaft, während die ruhige Wasseroberfläche die umliegenden Berge spiegelte. Bereits die Kulisse allein machte diesen Ausflug besonders.

Mitten während der Fahrt wartete dann eine Überraschung auf uns.

Aus einem anderen Zodiac näherte sich plötzlich die Crew gemeinsam mit dem Hotel Director und servierte Champagner direkt auf dem Wasser. Für einen Moment lagen mehrere Zodiacs nebeneinander inmitten der arktischen Landschaft, während angestoßen, gelacht und die außergewöhnliche Kulisse genossen wurde. Es war einer dieser typisch besonderen Silversea-Momente, die man nicht erwartet und die gerade deshalb lange in Erinnerung bleiben.

Kurz darauf entdeckten wir eine Bartrobbe, die entspannt auf dem Eis lag und sich von unserer Anwesenheit kaum beeindrucken ließ. Während wir sie beobachteten, erklärte uns das Expeditionsteam mehr über diese faszinierenden Tiere und ihre Lebensweise in den Polarregionen.

Doch damit war die Ausfahrt noch lange nicht vorbei. Auf dem Rückweg entschied sich unser Expeditionsguide offenbar für die spannendere Variante. Statt den direkten Weg zurück zur Silver Endeavour zu nehmen, steuerte er das Zodiac zwischen zwei Felsformationen hindurch und sorgte damit für eine Extraportion Abenteuer. Das breite Grinsen der Gruppe sprach Bände und man merkte schnell, dass er mindestens genauso viel Spaß an der Fahrt hatte wie wir.

Zurück an Bord wartete bereits das nächste Highlight des Tages.

Der Polar Plunge.

 

Schon seit Tagen war darüber gesprochen worden, wer tatsächlich springen würde und wer lieber als Zuschauer an der Reling stehen würde. Wenige Minuten später stand ich selbst am Rand der Plattform und blickte auf das eiskalte Wasser unter mir.

 

Drei Grad.

 

Nicht unbedingt die Temperatur, bei der man freiwillig baden geht.

Genau deshalb macht man es. Der Sprung selbst dauerte nur wenige Sekunden. Was blieb, war das Adrenalin, das Gelächter und dieses Gefühl, etwas erlebt zu haben, das man so schnell nicht vergisst. Ich erinnere mich noch genau an diesen kurzen Moment auf der Plattform. Man weiß, dass es kalt wird. Man weiß sogar, dass es sehr kalt wird. Aber solange man noch oben steht, bleibt es eine theoretische Vorstellung.

Dann springt man.

Für ein paar Sekunden existiert nur dieser Moment. Rückblickend war der Polar Plunge weit mehr als nur ein Sprung ins kalte Wasser.

Er war einer dieser Momente, die man sich vorher hundertmal vorstellt und die sich am Ende trotzdem völlig anders anfühlen, als man erwartet hat.



Am Nachmittag sollte eigentlich eine Anlandung bei der Walrosskolonie von Smeerenburg stattfinden. Doch wie so oft in der Arktis entscheidet am Ende die Natur. Das Polar Bear Monitor Team hatte mehrere Eisbären an Land gesichtet. Die Anlandung wurde abgesagt.

Und niemand beschwerte sich darüber. Ganz im Gegenteil.

Mit den Ferngläsern, die in jeder Suite bereitlagen, beobachteten wir die Tiere stattdessen vom Schiff aus. Besonders ein Eisbär zog die Aufmerksamkeit aller auf sich. In einer Lagune spielte er immer wieder mit einer Boje und schien die Welt um sich herum völlig zu vergessen. Rückblickend kann ich mir keinen besseren Grund vorstellen, eine Anlandung abzusagen.

Später am Tag folgte eine Einladung auf die Brücke der Silver Endeavour. Dort erhielten wir spannende Einblicke in die moderne Technik des Schiffes und erfuhren mehr darüber, wie ein Schiff der Polar Class 6 sicher durch diese anspruchsvollen Gewässer navigiert. Erst dort wurde wirklich deutlich, wie viel Präzision und Erfahrung hinter einer solchen Expedition steckt.

Als ich später in meine Suite zurückkehrte, wartete bereits die nächste Überraschung auf mich.

Mein Butler hatte offenbar bemerkt, dass meine Schuhe nach den vergangenen Tagen etwas gelitten hatten. Ohne dass ich darum gebeten hatte, standen sie plötzlich gereinigt, sorgfältig verpackt und bereit für den nächsten Tag in meiner Suite.

Bereits zuvor hatte mich der Butler-Service immer wieder beeindruckt. Nach einer besonders kalten Zodiac-Ausfahrt wartete heiße Schokolade mit Obstteller auf mich, an einem anderen Tag lag meine gereinigte Sonnenbrille auf dem Tisch. Es waren keine großen Gesten, sondern genau diese kleinen, aufmerksamen Details, die den Service an Bord der Silver Endeavour so besonders machten. Oft hatte man das Gefühl, dass Wünsche erfüllt wurden, bevor man sie überhaupt ausgesprochen hatte.

Am Abend trafen sich viele Gäste in der Observation Lounge, wo ein Schokoladenbuffet aufgebaut war. Während draußen die Mitternachtssonne noch immer über der arktischen Landschaft stand, ließ man einen Tag ausklingen, der mehr Erlebnisse bereithielt als manch komplette Reise.

Und dabei sollte es noch nicht der letzte besondere Tag dieser Expedition gewesen sein.


Das Leben an Bord der Silver Endeavour

Was dieses Schiff für mich so außergewöhnlich macht, ist die Kombination aus echter Expeditionsreise und dem Komfort eines Luxusschiffes. Nach einer Zodiac-Ausfahrt durch Eis und Wind oder einer Wanderung durch Schnee und Geröll kehrt man an Bord zurück und findet einen Ort vor, der gleichermaßen Abenteuerbasis und Rückzugsort ist.

Ein besonderer Dank gilt dem gesamten Silversea-Team für die außergewöhnliche Gastfreundschaft während der gesamten Reise. Vom Expeditionsteam über die Crew bis hin zum Hotel-Team hatte man jederzeit das Gefühl, willkommen zu sein. Die Herzlichkeit und Professionalität aller Mitarbeitenden trugen wesentlich dazu bei, dass diese Reise zu einem ganz besonderen Erlebnis wurde.

Auch das Schiff selbst bietet zahlreiche Orte zum Entspannen. Der Spa-Bereich mit Whirlpool, Pool, Sauna und verschiedenen Behandlungsräumen lädt dazu ein, nach einem aktiven Tag in der Arktis zur Ruhe zu kommen. Besonders interessant fand ich das flexible Nutzungskonzept rund um den Poolbereich. Tagsüber dient er als klassischer Poolbereich, während die Fläche zum Frühstück und später auch für das Restaurant The Grill umgestaltet wird. Wo wenige Stunden zuvor noch geschwommen wurde, genießt man später ein entspanntes Essen mit Blick auf die vorbeiziehende Polarlandschaft.

Zu meinen Lieblingsorten gehörte außerdem das Arts Café. Ob ein Kaffee am Vormittag, ein kleiner Snack zwischen zwei Ausflügen oder etwas Süßes am Nachmittag – hier herrschte den ganzen Tag über eine entspannte Atmosphäre, und man traf immer wieder auf bekannte Gesichter.

Für Expeditionsreisende besonders praktisch sind die vielen durchdachten Details an Bord. Im Mudroom werden vor jeder Anlandung die Expeditionsstiefel angezogen und nach den Ausflügen wieder verstaut. Nach wenigen Tagen gehörte dieser Bereich genauso zur täglichen Routine wie die Briefings des Expeditionsteams. Auch die kostenlose Selbstbedienungs-Laundry erwies sich als äußerst angenehm – gerade auf einer aktiven Reise mit Wanderungen, Zodiac-Ausfahrten und wechselnden Wetterbedingungen.

 

Genau diese Mischung aus Abenteuer, Komfort und außergewöhnlicher Gastfreundschaft macht die Silver Endeavour zu weit mehr als nur einem Expeditionsschiff. Sie ermöglicht es, einige der entlegensten Regionen unseres Planeten zu entdecken, ohne dabei auf die Annehmlichkeiten verzichten zu müssen, die eine Reise besonders angenehm machen.



12. Juni – Recherchebreen und die Geschichte der Ice Maiden

Nach dem ereignisreichen Vortag begann der 12. Juni etwas ruhiger. Doch wie so oft auf dieser Reise zeigte sich schnell, dass Spitzbergen nicht immer spektakuläre Inszenierungen braucht, um Eindruck zu hinterlassen.

Unser Ziel war Recherchebreen.

 

Mit den Zodiacs erkundeten wir die Region aus nächster Nähe und glitten entlang einer Landschaft, die gleichzeitig rau, einsam und faszinierend wirkte. Während der Ausfahrt entdeckten wir schließlich eine kleine Hütte an der Küste.

Auf den ersten Blick wirkte sie unscheinbar. Doch wie so oft auf Spitzbergen verbarg sich hinter diesem Ort eine Geschichte.

 

Das Expeditionsteam erzählte uns von Ernest Mansfield und seiner Erzählung The Ice Maiden. Im Kern ist es eine Geschichte über Sehnsucht, Entscheidungen und darüber, dass manche Wege sich nur einmal im Leben öffnen. Sie handelt von einem Mann, der in eine verborgene Welt gelangt, sich dort verliebt und am Ende ein gefährliches Spiel zwischen zwei Welten spielt. Als er schließlich in seine eigene Welt zurückkehrt, stellt er fest, dass die Zeit anders vergangen ist als erwartet. Später versucht er zurückzukehren, findet den Weg jedoch nie wieder.

 

Je länger man der Geschichte zuhörte, desto besser schien sie zu diesem Ort zu passen.

 

Vielleicht lag es an der Einsamkeit Spitzbergens. Vielleicht an der rauen Landschaft, den langen Wintern und der Polarnacht, während der die Dunkelheit monatelang die Inseln beherrscht. An einem Ort wie diesem kann man sich leicht vorstellen, wie Geschichten entstehen, die irgendwo zwischen Realität, Legende und Fantasie liegen.


Zurück an Bord verlief der Nachmittag entspannt. Viele Gäste nutzten die Gelegenheit, Fotos zu sortieren oder einfach die vorbeiziehende Landschaft zu genießen. Langsam wurde allen bewusst, dass sich unsere Reise ihrem Ende näherte. Man beginnt zu überlegen, was man am meisten vermissen wird.


Bamsebu und der Abschied von Spitzbergen

Als nächstes führte uns die Reise nach Bamsebu. Mit den Zodiacs erreichten wir die kleine Anlandestelle und hatten noch einmal Gelegenheit, Spitzbergen aus nächster Nähe zu erleben. Die Landschaft wirkte vertraut und gleichzeitig besonders. Vielleicht auch deshalb, weil allen bewusst war, dass dies unsere letzte Anlandung dieser Reise sein würde.

Während wir durch das Gebiet liefen, entdeckten wir die Überreste zahlreicher Belugawal-Knochen, die bis heute an die Vergangenheit dieser Region erinnern. Zwischen den Knochen, der kargen Landschaft und den einfachen Hütten wurde deutlich, unter welch rauen Bedingungen Menschen hier einst gelebt und gearbeitet haben.

Es war keine spektakuläre Anlandung im klassischen Sinne. Keine gewaltigen Gletscher. Keine Eisbären.

Und vielleicht gerade deshalb ein passender Abschluss.

 

Bamsebu vermittelte noch einmal die Ruhe, die Weite und die besondere Atmosphäre Spitzbergens, die uns während der gesamten Reise begleitet hatte.

Bevor der Abend zu Ende ging, zog es mich noch einmal in die Explorer Lounge auf Deck 9.

 

Mit einem Glas jenes Rotweins, den ich während der Reise überraschenderweise gleich zweimal bestellt hatte, suchte ich mir einen Platz am Fenster und blickte hinaus auf die vorbeiziehende Landschaft. Die Gespräche waren inzwischen ruhiger geworden, viele Gäste ließen die vergangenen Tage Revue passieren oder genossen einfach die letzten Stunden an Bord.

 

Während ich hinaussah, musste ich unweigerlich an die Geschichte der Ice Maiden denken, die wir am Vortag gehört hatten.

An den Mann, der eine verborgene Welt verlassen hatte und später nie wieder zu ihr zurückkehren konnte. Natürlich ist Spitzbergen keine verborgene Welt. Und doch fühlte sich dieser Gedanke plötzlich erstaunlich passend an.

 

Eine Woche lang hatten wir uns in einer Landschaft bewegt, die größer, stiller und ursprünglicher war als alles, was ich bisher erlebt hatte. Wir waren durch Packeis gefahren, auf Gletscher geblickt, durch Schnee gewandert, hatten Eisbären beobachtet, im arktischen Wasser gebadet und Orte besucht, die für die meisten Menschen für immer unerreichbar bleiben werden.

 

Nun näherten wir uns langsam wieder Longyearbyen.

 

Zum ersten Mal während dieser Reise fiel es mir schwer, weiterzufahren.

 

Vielleicht weil sich vieles wie ein Traum angefühlt hatte.

 

Der Unterschied war nur:

Es war keiner.

Es war Realität.

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